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Diagnostik und Therapie der Interstitiellen Zystitis (IC/BPS)

Die Interstitielle Zystitis (IC/ BPS- „Bladder Pain Syndrome“) ist definiert als eine nichtinfektiöse, chronische Harnblasenerkrankung, die von dem Symptomkomplex Schmerzen, häufigem Wasserlassen tagsüber (Pollakisurie) und nachts (Nykturie), sowie von imperativem Harndrang in unterschiedlicher Ausprägung der Symptome geprägt ist.

Die IC zählt in Europa definitionsgemäß zu den seltenen Erkrankungen. Grundsätzlich kann sie in jedem Alter auftreten, wobei der Häufigkeitsgipfel im mittleren Lebensalter zwischen 40 und 50 Jahren liegt. Frauen sind von der Erkrankung neunmal häufiger betroffen als Männer.
Betroffene Patienten leiden meist unter einer enormen Einschränkung der Lebensqualität. Schmerzen und ständiger Harndrang dominieren den Lebensalltag und führen zu Partnerschaftskonflikten bis hin zur sozialen Isolation und zu existenziellen Problemen durch Arbeitsunfähigkeit.

Die genaue Krankheitsursache ist unbekannt. Der Entstehungsmechanismus ist multifaktoriell und es existieren zahlreiche unterschiedliche Theorien diesbezüglich. Am Anfang steht vermutlich eine Schädigung der Harnblasenschleimhaut (Urothel) und damit einhergehend eine Zerstörung der schützenden Harnblaseninnenauskleidung (Glykosaminoglycan-Schicht). Das führt zu einer erhöhten Durchlässigkeit (Permeabilität) der Harnblasenwand. So können reizende Substanzen (beispielsweise Kaliumionen) aus dem Urin in tiefere Schichten der Harnblasenwand vordringen und dort Entzündungsprozesse auslösen und aufrecht erhalten. Diese chronische Entzündung wiederum begünstigt die Chronifizierung der Schmerzen und führt zu Umbauprozessen und reduzierter Elastizität der Harnblasenwand. In der Folge entstehen zunehmend Schmerzen schon bei geringer Blasenfüllung. Die daraus resultierende eingeschränkte Harnblasenkapazität ist charakteristisch für die IC, wobei die Diagnose der IC nicht an ein bestimmtes Blasenvolumen gekoppelt ist. Aufgrund des langen Krankheitsverlaufs werden bei vielen Patienten auch Depressionen und Erschöpfungszustände beobachtet.

Die IC ist schwer zu diagnostizieren und wird oft erst Jahre nach Symptombeginn erkannt. Die Diagnose IC ist eine Ausschlussdiagnose und damit ist die erforderliche Differentialdiagnostik umfassend. In jedem Fall muss die Diagnostik eine genaue Anamnese (hier kann zur genauen Symptomerfassung das Führen eines Miktions- und Schmerztagebuches hilfreich sein), eine körperliche Untersuchung mit Untersuchung der Genitalregion, eine Urinuntersuchung mit Resturinprüfung, eine Harnstrahlmessung, einen Ultraschall von Niere und Blase sowie eine Harnblasenspiegelung (Zystoskopie) und bei Patientinnen eine vaginale Untersuchung beinhalten. Ergänzend kann ein Kaliumchloridtest, eine Probeentnahme aus der Harnblasenwand, eine Harnblasendruckmessung und ein Harnblasendehnungstest (Hydrodistension) in Narkose erfolgen. Das Auffinden multipler stecknadelkopfgroßer Blutungen (Glomerulationen) der Harnblasenschleimhaut ist ein Kennzeichen der Interstitiellen Zystitis. Der zystoskopische Nachweis von Ulzerationen der Harnblasenwand (Hunner-Läsionen) stellt ebenso ein Charakteristikum der IC dar, wobei diese Läsionen bei dem überwiegenden Anteil der Patienten nicht nachweisbar sind.

Die Therapie der IC ist für jeden Patienten individuell in Form eines Stufenplanes (von konservativen Maßnahmen über medikamentöse Therapie bis hin zu operativen Behandlungsoptionen) festzulegen. Auf Grund des chronisch fortschreitenden Erkrankungsverlaufes ist die Therapie sowohl für Patienten als auch für Therapeuten langwierig und erfordert ein hohes Maß an aktiver Mitarbeit durch den Patienten.

Die Basis der Therapie bilden die konservativen Maßnahmen. An erster Stelle stehen die Information und Schulung der Betroffenen über die IC-Erkrankung. Jeder Patient sollte dahingehend beraten und geschult werden, wie durch Lebensstiländerung (z.B. Meiden von Kälte und Stress, Tragen bequemer Kleidung) und eine Ernährungsumstellung (Meiden von Zitrusfrüchten, Koffein und Alkohol u.A.) eine Verbesserung der Lebensqualität zu erzielen ist. Des Weiteren ist das Einbeziehen des psychosozialen Umfelds sowie eine psychotherapeutische/ psychiatrische Betreuung des Patienten essentiell. Beispielsweise kann eine Verhaltenstherapie mit einer kontrollierten Flüssigkeitszufuhr und Blasentraining die Häufigkeit des Harndrangs reduzieren.

Begleitend muss außerdem eine adäquate medikamentöse Schmerztherapie erfolgen, idealer Weise unter Miteinbeziehung von speziell geschulten Schmerztherapeuten. Die Komplementärmedizin mit beispielsweise der Akkupunktur kann die konservative Therapie ergänzen.

Die Auswahl der weiteren Behandlungsmaßnahmen richtet sich individuell nach Art und Schwere der Symptome und der damit einhergehenden Reduktion der Lebensqualität, nach regionaler Vefügbarkeit und nach patientenbezogenen Präferenzen. Insgesamt sollten weniger invasive Therapieoptionen den operativen Verfahren vorgezogen werden. Zu den weniger invasiven Maßnahmen zählen nach konservativen und komplementärmedizinischen Maßnahmen die orale medikamentöse Therapie sowie das Verabreichen von Medikamenten (z.B. Hyaluronsäure) in die Harnblase, die sogenannte intravesikale Instillationstherapie.

Einige Therapieverfahren, nämlich die orale medikamentöse Therapie mit Pentosanpolysulfat und die chirurgische Therapie mittels Resektion über die Harnröhre, sind den Patienten mit Nachweis von Glomerulationen und/ oder Hunner-Läsionen vorbehalten.

An letzter Stelle der Therapie stehen die interventionellen operativen Therapieverfahren mit der Resektion von Teilen der Harnblasenschleimhaut und als letzte Option die komplette operative Entfernung der Harnblase (Zystektomie). Diese ist allerdings reserviert für Patienten, deren Lebensqualität durch Schmerz und ständigen Harndrang trotz Ausschöpfung der weniger invasiven Behandlungsalternativen zerstört ist.

Insbesondere nach Ausschöpfen der konservativen Therapieoptionen bevor invasive Therapieverfahren zur Anwendung kommen, bei drohender dauerhafter Arbeitsunfähigkeit und nach Zystektomie stellt die stationäre Rehabilitation eine weitere wichtige Säule der Therapie dar.

Der Anschluss an eine IC-Patientenorganisation und das Erlernen von Selbsthilfetechniken kann den Therapieerfolg und den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen.

Die Behandlung sollte in jedem Fall umfassend, interdisziplinär und multimodal erfolgen. Eine enge Vernetzung zwischen niedergelassenen Therapeuten und speziellen Zentren ist hierbei anzustreben.

Quellen:

Leitliniengruppe S2K-Leitlinie für Interstitielle Cystitis (IC/BPS) Langfassung, 1. Auflage, Version 1, 2018.

Urologe 2019 · 58:1313–1323
https://doi.org/10.1007/s00120-019-01054-2
Online publiziert: 28. Oktober 2019